Im Garten der Gegensätze
Jürg Altherr, 1944-2018

Stefan Rotzler   Landschaftsarchitekt BSLA   1.7.2018

Mit Jürg Altherr verliert die Schweiz einen grossen Plastiker und die Landschaftsarchitektur einen ihrer prägenden Köpfe.

Seine Arbeiten stehen unverkennbar an prominenten Orten im öffentlichen Raum z.B. in Zürich, Biel, St.Gallen, Emmen. Anders als etwa beim amerikanischen Plastiker Richard Serra, dem das Eigengewicht und die Wucht des Materials wichtig sind, liegt bei Jürg Altherr die Faszination im Balanceakt schwerer -  aber scheinbar schwereloser - Objekte.

Es gibt aber auch die zarten, kleinen Modelle: sie stehen für sich selber – nehmen als Miniaturen grosse Raumplastiken vorweg. Aus Fäden, Karton und feinen Hölzchen mit Klebstreifen oder einem Leimtupfen gefügt, wirken sie gerade ihrer Kleinheit wegen ganz gross und monumental. Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir uns als Betrachter unmittelbar zu ihnen in Massstab setzen – und dabei selber ganz klein werden.

Geboren 1944 in Zürich, stammt Jürg Altherr aus einer Architektenfamilie. Sein Grossvater war Direktor des Kunstgewerbemuseums Zürich, sein Vater Architekt und Designer (von ihm stammt etwa. die «Landibank», der Schweizer Sitzbankklassiker).

Nach einem Intermezzo bei Marino Marini an der Brera in Mailand erlernte er autodidaktisch das Metier des Steinbildhauers in Tessiner Steinbrüchen. Später studierte er Landschaftsarchitektur an der Hochschule in Rapperswil. An der Landschaft faszinierte ihn weniger die Vielfalt der Pflanzen als die Körperlichkeit von Gelände und Erdmodellierung. Gleich nach dem Diplom erhielt er einen Lehrauftrag in Geländemodellierung. Nicht abstrakt, sondern in Handarbeit wurden Landschaftsformationen mit Lehm und Sand ausprobiert.

Die Serie seiner vielbeachteten (und vieldiskutierten) Projekte begann 1976 mit der Aktion «100 Zürcher». Ihnen wurden nackte Rücken- und Gesässpartien abgegossen. Die weissen Gipsseiten der Freiwilligen wurden verschnürt Seite an Seite wie in einer Fleischhalle in einer gigantischen Seilkonstruktion aufgehängt. Speziell dabei war auch das konstruktive Moment: das verwendete Tragseil bestand aus einer einzigen - quasi endlosen – Seilschlaufe.

Zu einer weiteren, ebenfalls aus einer Gruppenarbeit entstandenen Arbeit wurde die hängende Wasserplastik, welche im Rahmen eines Kurses für plastisches Gestalten mit Studenten der ETH 1980 entstand. Ganz oben in der Kuppel der ETH schwebte eine hauchdünne Kunststoffmembran - Wie ein umgekehrter Gugelhopf nach allen Seiten hin verspannt. Mit zwanzig Tonnen Wasser gefüllt glich das Objekt einem bedrohlich schwebenden, transparenten Organismus; Es lud zum Schwimmen und Schweben ein, war aber gleichzeitig eine bedrohliche «Wasserbombe» hoch über den wertvollen Buchbeständen der ETH- Bibliothek.

Es folgten verschnürte Knochen- und Glaskastenobjekte, «die mit einem Hauch surrealistischer Dämonie über Leben und Tod nachzudenken schienen» (Ludmila Vachtova). Gleichzeitig baute Altherr erste minimalistische Metallplastiken aus einfachen Körpern, die prekär zu einander im Gleichgewicht stehen. Die Diskrepanz zwischen organischer und konstruktiver Auffassung von Plastik war rückblickend bloss eine formale. Inhaltlich ging es um dasselbe: eine Vorliebe für dreidimensional ausgetragene existentielle Konflikte, Verspannungen und Verhängnisse.

Sein uwölf Meter hohes Atelier im Gaswerkareal Schlieren war ein Laboratorium für mannigfaltige, plastische Experimente und Versuche in der Form von Zeichnungen, Arbeitsmodellen und im Massstab 1:1.

Dieser wundersame Raum war quasi ein Garten der Gegensätze, in dem sich Widersprüche und Widerstände auflösten und in einem berauschenden Kosmos vereinten.

«Atelierbesuche bei Jürg Altherr machte man besser nicht im Winter. Sein überhoher Raum im Gaswerk Schlieren war kalt und zugig, oft baute sich der Künstler ein Plastikzelt in seinem Atelier, um arbeiten zu können. Denn Altherr packte zwar handfest an, wenn es nötig war. Aber hauptsächlich zeichnete, plante, organisierte der Künstler. Oder er träumte. Das Gleichgewicht und wie man es sichtbar machen könne, war eines seiner Lieblingsthemen» (Sabine Altorfer, Aargauerzeitung 6.6.2018).

Der Turm als konstruktives Thema und archetypischer Menschheitstraum/ Männlichkeitstraum faszinierte Jürg Altherr immer wieder. Auf die Spitze gestellt balancieren seine Türme als prekäre Mobiles, oben durch raupenartig gefügte Ketten lose eingespannt. Jeder Bewegungsimpuls, jeder Windstoss bringt die schweren, aber filigran wirkenden Metallkörper zum Vibrieren. Sie weichen der Vertikalen aus und bleiben gerade wegen ihrer Schieflage stabil. In der Turmthematik vermählt sich wie bei vielen Arbeiten von Altherr ein utopisches Moment mit der existentiellen Realität der Schwerkraft.

Das Werk von Jürg Altherr erschliesst sich erst auf den zweiten Blick, denn es stellt nichts dar und bildet nichts ab. Die Dinge sind, was sie sind und das, was sich zwischen ihnen in Form von Kräften und Spannungen abspielt. Gerade dadurch aber sind die plastischen Arbeiten eigentlich sehr direkt zugänglich. Weniger über Reflexion und Assoziation, als über ihre eminente Körperlichkeit. Denn dadurch, dass Gewichte schwer, und Kräfte sichtbar sind, werden wir zu ihnen als körperliche Wesen in Verbindung gesetzt.

Wie gegenüber einer übermächtigen Naturmacht entsteht ein Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit auf. Diese löst eine Faszination aus und weckt gleichzeitig die eigene Ablehnung gegenüber einem so übermächtigen Ungeheuer. «Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen,» sagt Rilke in seinen Duineser Elegien, «und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.» In Altherrs Werken kontrastieren die Gesetze der Physik, des Gleichgewichts und der Spannung. Seine Skulpturen scheinen in einem fragilen Gleichgewicht zu schweben, zwischen Zug und Druck, Erdanziehung und kosmischem Entschwinden. Sie faszinieren durch ihre berückende Dualität von Masse und Transparenz, von Zentrierung und Getriebensein, Streuung und Sammlung.

Das gilt zum Beispiel für die Plastik «Stumm und Taub 1»:

Tonnenschwer ist sie. Ein unfassbares Fass, gleichzeitig Zeitbombe und Projektil, eine seltsame Hülle und gewaltige Frucht, ein versiegelter Bauch, aber auch ein sich nach vorne zuspitzender Körper der gerade zum Angriff rüstet.

«Heckenkörper-Körper ohne Haut» (EMPA St. Gallen, 1996) ist für mich persönlich ein Schlüsselwerk gerade auch deshalb, weil es die der Landschaft immanente Zeit-Komponente mit einschliesst.

Wie der geborstene Rumpf eines abgestürzten Flugzeuges hängt das mehrfach gebrochene Stahlrohr im wuchernden Dickicht des Pflanzendschungels. 7 x 72 x 15 Meter misst der grüne Mocken und behauptet sich schon durch seine schiere Grösse im konturlosen Niemandsland ausserhalb von St. Gallen. Ganz eigenständig steht er da; Ein Objekt aus einer anderen Welt, das Wurzeln geschlagen hat. Der „Körper ohne Haut“ ist mit dem Ort – seinem Standort – verwurzelt im ursprünglichen Sinne des Wortes RADIKAL (radix, radicis = lat. Wurzel).

1998 angepflanzt wachsen die Hagebuchen langsam in eine vordefinierte, präzise Form hinein. Nach aussen ist sie ganz barock, ganz kontrolliert. Im inneren eine wild wuchernde, organische Dickung. Gleichzeitig Plastik, Erlebnisraum und Landschaftselement dem die vierte - die zeitliche - Dimension, eingeschrieben ist: Wachstum, Veränderung und Zerfall sind Teil des Werkes.
Alles ist schief, die Vertikale bleibt dem Betrachter vorbehalten. Präzis zentriert hängt und liegt das metallene Fernrohr im 1000-fach vergabelten Astwerk. Wie das Skelett eines riesigen, urtümlichen Untiers. Walähnlich und mit furchterregenden Gräten samt auseinandergerissener, begehbarer Halsröhre. Der Blick durch das gewaltige Fernrohr ist weniger auf ein fernes Ziel, als auf die Nähe gerichtet – das Astwerk, das nächste Rohr - und verweist so zurück auf den Betrachter.
Der Körper ohne Haut ist ein faszinierendes, physisches Objekt für den geistigen Gebrauch. Es öffnet neue Perspektiven auf das Gewohnte. Ist ein Denk-Stück über Massstab und Masslosigkeit, Gleichgewicht und Sturz, Bedrohlichkeit und Nähe.

Jürg Altherr als Person ist nicht mehr. Aber in seinen Initialen, mit denen er gerne signierte - lebt seine bejahende Lebenshaltung als entschiedenes JA weiter.

Vor allem aber: Seine Werke sind da, treiben uns um, beschäftigen uns – und überdauern gerade dadurch.